Das diesjährige Hiddensee-Colloquium des ICATAT vom 10.-16. August ist thematisch in drei Blöcke gegliedert:

Block A) Panels, Prospects & Perspectives: German-Tatar heritage @ ICCEES-Congress Japan

Block B) Islam @ the Baltics: Suomi Tatars – history and culture.

Block C) lkj-Demokratie-Workshop „Zwischen Anpassung & Dissidenz: Kunst & Wissenschaft im Totalitarismus“

zu A) Die Projektgruppe Yazma Miras (Textual Heritage/Geschriebenes Erbe) arbeitet auf der Basis des Hiddensee-Portokolls von 2010. Tatarische und deutsche Wissenschaftler_innen vereinbarten damals gemeinsame Kooperationsprojekte zu realisieren. In verschiedenen Formaten wurden Ergebinsse relevanter Projekte diskutiert und Anknüpfungen / Erweiterungen / Konferenzen in dem Kontext anvisiert. Zur Auswertung der ICATAT-Arbeiten zum ICCEES-Kongress in Japan 2015 bzw. den Präsentationen von Yazma Miras in Tokyo-Makuhari finden sich hier.

zu B) Diskutiert wurden bisherige Veröffentlichungen zu den Tataren Finnlands als auch bisherige Projekte mit und über finnische Tataren sowie Möglichkeiten von Kooperationen in der Zukunft. Interessant waren für die Jugendlichen generell interethnische Beziehungen zwischen Minderheiten und der Mehrheitsgesellschaft Finnlands im Vergleich mit der Ukraine und Deutschland sowie das enorme Œuvre finnisch-tatarischer Künstler, Schriftsteller und Musiker. Ein herzlicher Dank gilt für die tatarischen Audio-, Video- und Printmaterialien aus Finnland gilt der tatarischen Gemeinde von Helsinki, insbesondere dem Vorstand Atik Ali, Frau Kadriye Bedretdin und Fazile Nasretdin von der Universität Helsinki.

zu C)

International Workshop for Democracy: Art and Science in totalitarian societies, University of Greifswald

Ein Workshop zu Jugendkultur, Empowerment, Undergroundkunst, Wissenschaft und Widerstand

  • Thematik / Einführung:

Das 20. Jahrhundert wird in der Historiografie bereits das Jahrhundert der Vertreibungen genannt und totalitäre Systeme waren der Nährboden für Deportation, Kriege, Genozide und andere Repressionen. Jedoch scheinen nach dem Ende der Blockkonfrontation und der Hoffnung auf prosperierende Demokratisierung die Gewaltszenarien aus Syrien- und Ukrainekrieg eine Fortsetzung des Vergangenen anzuzeigen. Der Demokratie-Workshop der Lkj thematisiert mit dem Schwerpunkt „Wissenschaft und Kunst in totalitären Systemen“ komparativ, interdisziplinär und international die Repressionen, Forschungs- und Lebensbedingungen von Künstlern und Wissenschaftlern in Diktaturen des 20./21. Jahrhunderts. Sowohl tatarische als auch deutsche Intellektuelle erfuhren im 20. Jahrhundert massive Verletzungen von Menschenrechten: Meinungs-, Versammlungs- und Publikationsverbot, Deportation, Zwangsausbürgerung, Konzentrationslager und Gulag; Denunziation und Bespitzelung, Bevormundung und scheinbare Perspektivlosigkeit prägten den Alltag von Generationen. Künstler und Akademiker werden als Zeitzeugen, als selbständig handelnde Dissidenten, unauffällige Visionäre, Alltagsrebellen und Opfer totalitärer Gesellschaftsformen auf Podiumsdiskussionen, Vorträgen und thematischen Inselwanderungen interagieren mit jungen Künstlern und Akademikern der Ukraine, Rußlands und Deutschlands. Besonderes Augenmerk wird dabei auf Dissidenz, Untergrundkultur und freie Wissenschaft gelegt, die sich am Rande des SED-Staates, unter anderem auf der Ostsee-Insel Hiddensee ausdrücken konnte, – nur scheinbar unbeachtet vom Machtapparat der Staatssicherheit. Gäste von einer anderen Insel berichten von Erfahrungen des 21. Jahrhunderts: Krimtatarische Musiker und Philologen von der russisch annektierten Krim am Schwarzen Meer.

  • Regionalgeschichte, Zeitzeugen, Biographiearbeit

Inspiriert durch die Ausstellung „Stasi im Ostseeraum“ des letzten Jahres sowie die Bücher zu Aussteigern, Dissidenten und Akademikern auf Hiddensee nehmen wir Ereignisse in der Region und in der Ukraine zum Anlass, mit Zeitzeugen und Aktiven aus Wissenschaft und Kultur zu interagieren: Die Ukrainistik der Universität Greifswald ist die einzige Ukraine-Fachinstitution der Bundesrepublik, das ICATAT das einzige auf Krimtataren spezialisierte Institut Deutschlands. Diese Expertise bringen wir mit Zeitzeugen aus der DDR-Kulturgeschichte zusammen. Themen sind unter anderem: 2015 jährt sich zum 60. Mal der Vorlesungsstreik von Studenten der Universität Greifswald. Dies war der einzige Massenprotest an einer Hochschule der DDR. Studierende und Flüchtlinge berichten von Repression und Widerstand heute auf der annektierten Krim, Musiker und Filmemacher reflektieren Dissidenz und Anpassung am Beispiel von Blues- und Punk-Events auf Hiddensee zu DDR-Zeiten (z.B. Bands wie Freygang und Feeling B). Hiddensee war seit dem 19. Jahrhundert Rückzugsort für Unangepasste, im Nationalsozialismus aber auch Trainingsort der Hitlerjugend.

  • Ziel und Zweck des Workshops

Mit dem Demokratieworkshop werden zwei Ziele verfolgt: Einerseits die Reflexion und Diskussion der Inhalte durch Jugendliche, Kulturschaffende und Wissenschaftler untereinander miteinander in gemischten Gruppen (generationsübergreifend, weiblich/männlich, deutsch/nichtdeutsch) sowie andererseits die öffentliche Thematisierung der Thematik mittels öffentlich zugänglichen Modulen (Lesung, Filme, Podiumsdiskussion).

Hier ein Rückblick auf unseren Demokratie-Workshop in den „Inselnachrichten“ von Hiddensee als pdf auch zum herunterladen („Wissenschaft hatte Freygang auf Hiddensee„, Inselnachrichten, Vitte, Hiddensee, Aug./Sep. 2015, S. 27-30).