Im Rahmen des Forschungsprojektes “Yazma Miras / Written Heritage” fanden in der dritten Mai-Woche 2014 verschiedene Veranstaltungen in Deutschland statt. Das Kooperationsprojekt des Mardzhany-Instituts für Geschichte der Akademie der Wissenschaften Tatarstans, des Brandenburg-Preußen-Museums Wustrau und des Institutes für Caucasica-, Tatarica- und Turkestan-Studien (ICATAT) unterstützte in dieser Woche Filmaufnahmen für einen Dokumentarfilm über tatarische Soldaten im Ersten Weltkrieg und es wurde eine Buchpräsentation in Borna durchgeführt. Daneben gab es Treffen in Berlin und Magdeburg. (Abstracts & Autorenprofile des Sammelbandes hier)

Ein Kamerateam aus Tatarstan und Moskau unter der Leitung von Deniz Krasilnikov, unter Mitwirkung von Färidä Kurbangaleeva, Leysän Sitdikova and Färit Galiev, wurde von Dr. Stephan Theilig und Dr. Mieste Hotopp-Riecke bei Dreharbeiten zur gemeinsamen deutsch-tatarischen Geschichte an historischen Stätten in Wünsdorf-Zossen und Berlin begleitet. Die Dreharbeiten in der Waldstadt Zossen, auf dem Ehrenfriedhof Zehrensdorf und im politischen Archiv des Auswärtigen Amtes reihen sich ein in die Aufnahmen aus Frankreich, Belarus, Polen, Litauen, Orenburg, Sankt Petersburg, Tatarstan und Moskau. Die Uraufführung des Films ist für die Woche der tatarischen Kultur im August in Moskau geplant.

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Der Tataren-Friedhof in bei Zehrensdorf/Wünsdorf-Zossen ist Teil des Gedenkfriedhofes für Soldaten der russischen, britischen und französischen Armee aus dem I. Weltkrieg. Inder – Sikhs, Muslime und Hindus), Pakistaner und Belutschen, sogenannte Zuaven und Turkos aus Nordafrika aber auch Baschkiren, Kasachen, Tataren und Kirgisen kämpften im I. Weltkrieg in den Reihen der Entente-Mächte. Die Kriegsgräber-Kommission Großbritaniens (Imperial [später: Commonwealth] War Graves Commission / CWGC) gründete diesen Friedhof, auf dem auch die gestorbenen Kriegsgefangenen aus Rußland begraben sind. Den großen Tataren-Gedenkstein schuf der stellvertretende Lagerkommandant Otto Stiehl aus Magdeburg. Er war Offizier als auch Architekturprofessor, Autor und Bauinspektor. Einerseits setzte er sich für die Installation des Tataren-Gedenksteins ein, anderseits publizierte er im Geiste seiner Zeit das Buch “Unserer Feinde – Charakterköpfe aus deutschen Kriegsgefangenenlagern”.

Neben den Dreharbeiten zu diesem tatarischen Dokumentarfilm gab es Treffen in Berlin, Magdeburg und Borna. In Borna hielt Dr. Stephan Theilig einen Vortrag zum Thema Kaukasus im Kontext von Vielsprachigkeit, Geschichte und Kolonisierung. Im Anschluß wurde der Öffentlichkeit ein Sammelband vorgestellt, der von Wissenschaftlern und Kulturschaffenden aus Dagestan, Tatarstan, von Krim (Ukraine), aus Litauen und Deutschland zusammen erstellt wurde. Das Buch „Fremde-Nähe-Heimat. 200 Jahre Napoleonkriege: Deutsch-tatarische Interkulturkontakte, Translationen und Konflikte“ wurde zuerst durch die Herausgeber Stephan Theilig und Mieste Hotopp-Riecke vorgestellt, um dann auch mit zwei Co-Autoren des Bandes, Gulnaz Valeeva aus Leipzig/Tatarstan und Helmut Hentschel aus Rötha sowie dem Publikum zu diskutieren. Der Band entspringt im Groben drei wissenschaftlichen Tagungen des Jahres 2013, in dem sich die Völkerschlachten der Napoleonzeit zum zweihundertsten Mal jährten: als erstes dem Symposium „Für wen kämpfte Jussuf? 200 Jahre Völkerschlacht bei Leipzig – 200 Jahre Tatarengrab Kleinbeucha: Deutsch-Muslimische Interkulturgeschichte im regionalen Kontext“. Dieses fand im April 2013 als ICATAT-Kooperation mit dem „Zentrum für regional-geschichtliche Forschungen im Südraum Leipzig des Heimatvereins des Bornaer Landes e.V.“ sowie mit Unterstützung des Zentrums fur Europäische und Orientalische Kultur (ZEOK) aus Leipzig im Kulturhaus Borna, Freistaat Sachsen, statt. Als zweites liegen diesem Buch Texte zugrunde, die als Vorträge auf dem Panel „Interkulturkontakte im regionalen Kontext: 200 Jahre Napoleonkriege – Tataren, Baschkiren, Kalmuken in Deutschland als semantisches Reservoir in Historiografie und interkultureller Bildung.“ gehalten wurden. Das Panel war Teil der Sektion „Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“ auf dem 32. Deutschen Orientalistentag an der Westfälischen-Wilhelms-Universitat Münster (Nordrhein-Westfahlen). Die Deutschen Orientalistentage (DOT) sind alle vier Jahre die größten Treffen fur historische und zeitgenössische Orientforschung in Europa. Der DOT 2013 war mit über 1.300 Wissenschaftlern das bisher umfangreichste Forum seiner Art. Das dritte akademische Treffen, das für die Publikation Vorlagen lieferte, war das internationale Seminar „Fremde-Nähe-Magdeburg. Interkulturkontakte seit den Napoleonkriegen“. Diese ICATAT-Veranstaltung fand in zwei Podien an der Otto-von-Guericke-Universitat und im Kaiser-Otto-Saal des Kulturhistorischen Museums Magdeburg statt.

Gerahmt wurden diese Veranstaltungen durch kleinere Formate wie etwa dem Jugend-Workshop „Für wen kämpfte Jussuf?“ mit Jugendlichen MigrantInnen aus Irak, Griechenland, Tatarstan und Westsahara in Leipzig und Borna; der deutschen Uraufführung des krimtatarischen Films „Haytarma“ [Heimkehr] in der Botschaft der Ukraine, Berlin, der Schüler-Geschichtswerkstatt „Auf den Spuren des Paschas von Magdeburg“ oder die Podiumsdiskussion „Islam in (Ost-)Europa – Pankow, Krim und Tatarstan“ in der Reihe „Schönhauser Lesung“ an der Bundesakademie für Sicherheitspolitik in Berlin-Pankow. Die Texte des Bandes lassen sich grob in drei Bereiche einteilen. Neben wissenschaftlichen Artikeln unmittelbar zum Gegenstand der Napoleonischen Kriege im Kontext von Interkulturkontakten (A) finden sich Arbeiten, die diese historischen Kulturkontakte zum Anlass nehmen, weiter auszugreifen, thematisch als auch zeitlich-geografisch (B). Als drittes sind Texte aufgenommen worden, die eine eher persönliche, autobiografische essayistische Sicht auf die Thematik widergeben (C).

Die Autoren sind im Einzelnen Iskander Gilyazov (Kasan, Tatarstan): Wolga-Tataren: Aspekte der politischen, kulturellen und religiösen Geschichte, Adas Jakubauskas (Vilnius, Litauen): Ancient customs and traditions of Lithuanian Tatars, Stephan Theilig (Berlin): Auf den Spuren der Geschlagenen – Muslime in der Grande Armée, Helmut Hentschel (Rötha): Das Tatarengrab von Kleinbeucha, Mieste Hotopp-Riecke (Magdeburg): Zur Rolle der Tatarengräber Mitteldeutschlands als deutsch-tatarischen Erinnerungsorten, Temur Kurshutov (Simferopol): Zur Geschichte der krimtatarischen Reiterpulks des Russländischen Imperiums (1784–1918), Ralf Regener (Magdeburg): Facetten einer neuen Zeit – Magdeburg unter französischer Herrschaft (1806–1814), Ildar Kharissov (Berlin): Zu den baschkirischen und tatarischen Gesängen aus den napoleonischen Kriegen, İsmail Asanoğlu Kerim (Simferopol): Zu einer von Gasprinskis publizierten Informationsbroschüren, Marat Gibatdinov (Kasan): Tatar-German history as a medium of intercultural education, Ramazan Alpaut (Dagestan): Current linguistic situation in Dagestan in the context of possible ratification of the European charter for regional or minority languages by the Russian Federation, Venera Gerasimov-Vagizova (Berlin): Historisches Bewusstsein und Volksdiplomatie: „Verbunden durch Geschichte und Gegenwart: Deutsche Gräber in Tatarstan – Tatarische Gräber in Deutschland“, Nasur Yurushbaev (Leipzig): Jusufs Grab, Gulnaz Valeeva (Leipzig): Mин татар – Я татарка, Sophie Lodderstedt / Fabienne Beutner Kitzscher): Das Tatarengrab Kleinbeucha als Medienprojekt: Das Schülerfernsehen Kitzscher, Wolf-Dieter Seiwert (Leipzig) / Mieste Hotoop-Riecke (Magdeburg): „Via Turcorum“. Das Festival InterCultura ’13 in Leipzig im 200. Jahr der Völkerschlacht, Ali Khamzin (Bachtschisaray, Krim): Das politische Verhältnis des Russischen und Sowjetischen Reiches zu unterdrückten Völkern: Die Krimtataren – Kampf um die Selbsterhaltung eines europäischen Turkvolkes, Marija Teterjuk (Kiew): Die Rückkehr eines Volkes, das die Vernichtung überlebte.

Grußworte des Kulturministers der Republik Tatarstan, der Landsmannschaft der Krimtataren in Deutschland e.V., der Gesellschaft für OSTEUROPA-FÖRDERUNG e.V., der Gesellschaft für bedrohte Völker e.V. und des Weltkongresses der Tataren (Kasan, Tatarstan) sowie ein interessanter Bildteil runden als Dokumentation den Sammelband ab.

Eine öffentliche Buchvorstellung wird es auch im Rahmen des tatarischen Sommerfestes SABANTUY in Leipzig geben, am 14. Juni 2014, 12.00 Uhr (Musikpavillon Clara-Zetkin-Park, Anton-Bruckner-Allee 11), Informationen dazu unter https://icatat.wordpress.com/.

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