ICATAT@FUEN-Congress Moscow  

Vom 16. Bis 20. Mai wurde in Moskau der 57. Kongress der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen (FUEV) abgehalten. Zum ersten Mal in den über 60 Jahren seit Bestehen dieses bedeutendsten Selbstvertretungsorgans der ethnischen Minderheiten Europas fand diese Veranstaltung in der Russländischen Föderation statt.

Ein bunter Kulturauftakt mit balkarischen, georgischen, aserbaidschanischen und russlanddeutschen Tänzen, Liedern und Spezialitäten aus der Küche der unterschiedlichen Nationalitäten stimmte die Kongressteilnehmer_innen auf das Thema Multiethnizität ein. Im Fokus des diesjährigen Kongresses stand das “Recht auf Sprache” nachdem auf den zurückliegenden Kongressen bereits das „Recht auf Medien“, das „Recht auf Bildung“ und das „Recht auf Partizipation“ aus der Perspektive nationaler Minderheiten behandelt wurde. Die FUEV hatte 2006 in Budyšin/Bautzen ihr Grundsatzprogramm – die Charta der autochthonen, nationalen Minderheiten / Volksgruppen Europas – mit 13 Grundrechten definiert.

In Russland leben rund 190 Minderheiten und Nationalitäten. Es werden mehr als 230 Sprachen gesprochen. „Russland ist ein facettenreiches Land, das sich natürlich nicht in vier Tagen erschöpfend erkunden lässt. Ich denke jedoch, wir sind gemeinsam mit unseren 170 Gästen um einiges klüger, wenn wir heute nach Hause fahren“, zog FUEV-Präsident Hans Heinrich Hansen ein positives Fazit des 57. Kongress der FUEV, der Dachorganisation der autochthonen Minderheiten in Europa.

„Für eine minderheitenfreundliche Umwelt“

Nach Moskau angereist waren nicht nur die Vertreter der Roma, Sorben, Friesen, Balkaren und über 170 weitere Abgesandte von Minderheiten in Europa sondern es kamen auch Wissenschaftler und Politiker, die als beratende Experten ihre Perspektive auf die Sprachenproblematik der Minoritäten generell und der Situation in der Russländischen Föderation im Besonderen vorstellten. Historiker, Ethnologen, Turkologen und Politologen wie Dr. Marat Gibatdinov (Akademie der Wissenschaften Tatarstans), Dr. Ramazan Alpautov (Moscow/Dagestan), Dr. Garun-Rashid Abdul-Kadyr Huseyinov (Universität Dagestan), Dr. Dimitrij Funk (Inst. für Ethnologie, AdW, Moskau), Dr. Tatjana Smirnova (Dostojevskji-University Omsk) and Dr. Mieste Hotopp-Riecke (ICATAT, Berlin) beleuchteten die Thematik von unterschidlichen Perspektiven her. Sie unterstrichen in ihren Beiträgen, dass die Situation der autochthonen Minderheiten in der Russländischen Föderation unbedingt einer Verbesserung bedarf. „Eine Nationalitätenpolitik, die diesen Namen verdient, gibt es hier nicht“ unterstrich Tatjana Smirnova. Im Hinblick auf die immer noch ausstehende Ratifizierung der Charta für Regional- und Minderheitensprachen sprach Marat Gibatdinov von fehlendem politischen Willen, denn „schließlich wurde die Charta bereits 1992 von der Russländischen Föderation unterzeichnet“. Doch die Ratifizierung und Implementierung in nationales Recht bedingt auch eine adäquate Unterfütterung mit Ressourcen. Jedoch ist seit Jahren der Föderationshaushalt im Bildungs- und Kultursektor rückgängig, im Militärhaushalt stiegen die Ausgaben, so Smirnow. Es gebe dringend Handlungsbedarf betonten auch Alpautov und Hotopp-Riecke. Dieser forderte eine neue Minderheitenpolitik im Sprach- und Bildungsbreich nicht nur für Osteuropa, sondern auch innerhalb der EU müsse ein Konzept von „Minority Mainstreaming“ analog des bereits weitgehend akzeptierten Modells von „Gender Mainstreaming“ initiiert und finanziert werden. Die FUEV könne pan-europäischer Initiator eines solchen Prozesses von Minority Mainstreaming sein: Jede Mehrheitsgesellschaft ist nur so erfolgreich, prosperierend und demokratisch, wie ihre ethno-religiösen Minderheiten integriert, respektiert und gefördert sind, so Hotopp-Riecke. Csaba Tabajdi, Mitglied des Europäischen Parlamentes und Vorsitzender der Intergruppe für nationale Minderheiten im Europäischen Parlament nannte dies „ein Eintreten für eine minderheitenfreundliche Umwelt“.

Panel zu Minderheitensprachen in der Russländischen Föderation: Jan Diedrichsen (FUEN Kopenhagen), Dr. Marat Gibatdinov (AdW Tatarstan), Dr. Mieste Hotopp-Riecke (ICATAT + GfbV), Dr. Harun-Rashid Abdul-Kadyr Gusejnov (Uni Dagestan), Dr. Valerij Tishkov (AdW Moskau) (v.l.n.r.)

Da viele Teilnehmer­_innen zum ersten Mal in der Russländischen Föderation waren, gab es auch Gelegenheit, Moskau etwas näher kennen zu lernen. Das Kongress-Programm umfasste daher auch den Besuch einer Ballettaufführung im Bolschoi-Theater, Musical-Vorstellungen im Zigeuner-Theater Moskau, Besuche in usbekischen und kurdischen Restaurants, einem Tanzabend mit der rußland-deutschen Band „Faeton“ aus Tomsk sowie diverse Vorträge über die Situation im Nord-Kaukasus, im Altai und Nordsibirien. Der Kongress in Moskau – der im Deutsch-Russischen Haus, beim Dachverband der Russlanddeutschen durchgeführt wurde – beschäftigte sich mit drei Themenschwerpunkten: Die allgemeine Situation der Minderheiten / Nationalitäten in der Russländischen Föderation und den Nachfolge-Staaten der ehemaligen Sowjetunion, dem Grundrecht auf Sprache und der Kampagne für einen EU-Bürgerentscheid. Spezifisch wurde die Bedeutung der Sprachenvielfalt in Russland untersucht. Hierbei wurde zum einen die seit drei Jahren andauernden Verhandlungen zwischen dem Europarat und der Russländischen Föderation über die Ratifizierung der Europäischen Sprachencharta diskutiert. Darüber hinaus läutete die FUEV auch die Bearbeitung ihres dritten Grundrechtes ein – nämlich das Grundrecht auf Sprache. Die verlesene Grußbotschaft des neu gewählten Präsidenten der Russländischen Föderation, Wladimir Putin, stieß auf ein geteiltes Echo. Schließlich sei dessen Administration mitverantwortlich für die teils desaströse Lage der Minderheitenrechte in Rußland. Jedoch gehöre dies zu demokratischen Gepflogenheiten und der Kongress richtete dementsprechend sein Abschluss-Communiqué auch an Putin (als pdf FUEN Resolution Moscow 2012 hier; russ. Version hier).

Die Situation der Nationalitäten stand beim zweiten Themenschwerpunkt unter dem Motto „Russland – der unbekannte Vielvölkerstaat“ im Mittelpunkt. Allein dieses Kongress-Motto offenbare schon das West-Ost-Gefälle von Wahrnehmungen der multiethnischen Verfasstheit des Gastlandes, waren kritische Stimmen zu hören. Spricht man unter den Vertretern der Minderheiten Osteuropas und im akademischen Diskurs Westeuropas von der „Russländischen Föderation“ (analog zu Rossijskaja Federazija) wäre der Gebrauch und damit die Wahrnehmung von Rußland als Nationalstaat noch weit verbreitet auch unter Minderheitenvertrtetern Westeuropas. Auf Grundlage der Diskussionen und Referate bildete sich während des Kongresses eine ad-hoc-Arbeitsgruppe, die ein Kongress-Communiqué erarbeitet hat. Dieses fordert die Regierung in Moskau unter anderem auf, die bereits in großer Zahl vorliegenden Gesetze zum Schutz und zur Förderung der Nationalitäten, Minderheiten und Sprachen nun auch in der Praxis umzusetzen sowie die Charta der Regional- und Minderheitensprachen des Europarates endlich zu ratifizieren.

Der Direktor für Menschenrechte beim Europa-Rat, René Weingärtner, überbrachte an die FUEV-Mitglieder eine positive Botschaft. „Wir wollen mit ihnen zusammenarbeiten – die Kooperation zwischen Zivilgesellschaft und Europarat ist uns sehr wichtig. Daher unser Angebot an sie, lassen sie uns überlegen, wie wir in Zukunft besser und konkreter zusammenarbeiten können“, so Weingärtner.

Auch das Europäische Parlament war mit drei Abgeordneten vertreten. Der Vorsitzende der Intergruppe für nationale Minderheiten, Csaba Tabajdi, hob die Zusammenarbeit mit der FUEV hervor, die er in der zweiten Hälfte der Legislaturperiode intensivieren will. Für eine angeregte Diskussion sorgte die Europäische Bürgerinitiative, ein Schwerpunkt der FUEV, die vornehmlich vom Abgeordneten des Europäischen Parlamentes I. Winkler (FUEV-Mitglied von RMDSZ, der Ungarn in Rumänien) und mit Unterstützung der Intergruppe des Europäischen Parlamentes für nationale Minderheiten und zahlreichen FUEV-Mitgliedern begleitet wird. Die Idee eine Bürgerinitiative zu starten und mit der Sammlung von 1 Million Unterschriften die Situation für die autochthonen Minderheiten in Europa zu verbessern, wurde einhellig in zahlreichen Wortmeldungen der Mitglieder begrüßt und die FUEV aufgefordert, hier weiter aktiv mit zu wirken.

Während der Delegiertenversammlung der FUEV – dem höchsten Organ der Organisation, hatten die 148 Delegierte sechs Resolutionen zu bearbeiten (Ungarische Minderheit in Rumänien, Sorben aus der Lausitz, Dänische Minderheit aus Deutschland, Karatschayer und Balkaren der Russländischen Föderation, West-Thrakien-Türken aus Griechenland und die Griechen aus Istanbul / Konstantinopel) und drei Kongressstellungnahmen (West-Thrakien-Türken, Russlanddeutsche und die Kongressstellungnahme zur Situation der Minderheiten in Russland) zu verabschieden. Alle Resolutionen und Stellungnahmen wurden angenommen. Vier Anträge auf Neu-Mitgliedschaft wurden ebenfalls positiv bescheiden – der Verband der Kärntner Slowenen SKS, die Burgenländischen Kroaten aus Wien mit dem Kroatischen Zentrum, die Karatschay-Balkaren von Bars-El und das EBLUL-Komitee Deutschland[1] wurden von den Delegierten des FUEV-Kongresses aufgenommen. Demnach umfasst die FUEV nun 94 Mitglieder.

Eine Publikation der Kongressbeiträge ist geplant und soll als Informationsquelle bzw. Diskussionsgrundlage für eine weitere Beschäftigung mit der Sprachproblematik in den GUS-Staaten dienen. Eine entsprechende Fact-Finding-Mission in Krisengebiete wie Nordsibirien und den Kaukasus wurde ebenfalls diskutiert.


[1] European Bureau for lesser used languages.

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Expert opinion and civic movement: Europes largest NGO of minority issues held congress in Moscow

Independent Experts at the FUEN-Congress in Moscow: MassMedia in Russian Federation should not ignore the protests of Kumyk people in Dagestan as well as the ethnic minority issues in generally. FUEN appeals on Russian Government to save the ethnic minorities rights to political participation and mother tongue.

Linguistic diversity and the preservation of languages in Europe are the main topics of the annual congress of the Federal Union of European Nationalities (FUEN). This 57. annual FUEN-Congress first time took place in Russian Federation hosted by the German-Russian House in Moscow and supported by diverse Western European Ministries and NGO´s like the Society for threatened peoples . More than 90 minority organizations from 30 countries in Europe are represented by FUEN, the oldest pan-European NGO, founded in 1949.
Beside speeches and lectures of experts from Russian Federation and the EU the focus of the event laid also on concrete recent issues of the ethnic minorities in Russian Federation. The situation in the Republics of Dagestan, Kabardino-Balkaria, Tatarstan and the problems of the Shor people from Kemerovo region were discussed.

Gesichter des FUEN-Kongresses Moskau

Since a couple of days thousands of Kumyks are demonstrating in Dagestan for solving their land problems and for rehabilitation of these former deported people. Dr. Ramasan Alpautov pointed out, that the mass medias completely ignore those civic actions outside the Russian centre. He is preparing now applications for registration of a Federal Cultural Autonomy together with other Kumyk intellectuals of the Kumyk civil rights movement. “The local municipalities are waiting for directives from the administration in Moscow and do not react on the problems in the region” said Alpautov. But the exigent situation should solve immediately and peacefully . The Kumyks in protest camps near Makhatshkala want to get back their land which they lost 1944. That time they were deported to Chechenya, shortly after the Chechens were deported to Central Asia.
The FUEN adopted a resolution – supported by the Society for Threatened People International – to the administrations and authorities of Europe and especially to the government of the Russian Federation: “FUEN calls upon the government of the Russian Federation to provide for more recognition of the minority language-speaking people in Russian Federation. The Russian Federation should be committed to human rights as a fundamental value of human existence. The ethnic minority rights in generally and especially in the field of mother tongue education (also for ethnic minorities outside national Republics, Counties and Rayons as well as those peoples, who do not have a national administration subject of their own like the Shor people of Southern Siberia) should be respected”. As an main issue of the FUEN accepted the congress the campaign for the “Right to language”. In that context FUEN appealed to the Russian administration for ratification of the European Charta for Regional- or Minority-languages (which was already signed by Russia 1992) and adequate implementation of the aims and provisions enshrined in it.
Beside the representatives of more than 30 European minorities also scientists and politicians from European Council and Russian government took part at the event. Historians, ethnologists, turkologists and political scientists like Dr. Marat Gibatdinov (Academy of Science, Rep. Tatarstan), Dr. Ramazan Alpautov (Moscow/Dagestan), Dr. Garun Rashid Huseyinov (Dagestan), Dr. Dimitrij Funk (Inst. of Ethnology, Academy of Sciences, Moscow), Dr. Tatjana Smirnova (Dostojevskji-University Omsk) and Dr. Mieste Hotopp-Riecke (ICATAT, Berlin) gave their perspectives on the difficulties in context of multiethnicity, the right on mother tongue education and democratization in Russian Federation. They pointed out that there is a lack of political will to ratify for instance the European Charta of Regional- or Minority Languages adopted by the European Council (a document, which signed Russian Federation already in 1992).