ICATAT-Sommer-Colloquium 2010

Das DDDDas diesjährige ICATAT-Sommer-Colloquium, unterstützt von der Gesellschaft für Osteuropa-Förderung, fand vom 2. bis 9. August auf der Ostseeinsel Hiddensee statt. Unsere Unterkunft fanden wir dankenswerter Weise an der Universität Greifswald / Biologische Station Hiddensee. Im und um diese Basisstation herum arbeiteten drei Arbeitsgruppen.

Die drei Arbeitsgruppen arbeiteten zu den Bereichen Pädagogik, Kunst und Film sowie Geschichte/Turkologie.

AG Pädagogik: Dipl. päd. Christian Meysing (Oberstufenzentrum Handel I Berlin); Stephanie Rose, Mag. Art. (Systemische Therapeutin / Pädagogin / Soziologin, Berlin); Inge Mertens (Fachberaterin für Vorschulerziehung a.D., Stendal); Sylvia Bardo (Vorstand bei Kita Sturmtüten – Kitaträumer e.V  Berlin; Studentin Erziehung und Bildung im Kindesalter, Alice-Salomon-Hochschule / Universtity of Applied Science, Berlin); Susan Schiele (Physiotherapeutin, Berlin)

Themen: Interkulturelle Bildungsarbeit in Ostdeutschland, Frankreich und der Ukraine im Vergleich; Misere im Bildungssystem in Turkmenistan (Genderperspektive); Pädagogikkonzepte der EU-Baltikum-Anrainer; Zusammen mit AG Kunst und Film: Künstlerisches Arbeiten mit Kindern und Jugendlichen (Konzepte, Schulen, Praxis, Fachliteratur); Weitere Projekte im Rahmen der Unterstützung des Bildungskomplexes Zaretshnoye bei Dshankoy in der Autonomen Republik Krim zusammen mit Aktiven von TAMGA e.V. Berlin.

AG Kunst und Film: Henry Mertens (Filmemacher, Dipl.-Video-Designer, Dozent an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg / Projektleiter Film am ICATAT); Helge Haack (Kamera-Assistent / Toningenieur, Student am Seminar der vergleichenden Musikwissenschaften, FU Berlin); Jan Gottschalk, Bildhauer / Freier Diplomkünstler, Berlin), Anne Lindner (Freie Künstlerin, Berlin); Stephanie Laeger (Freie Künstlerin, Dresden); Anja Hotopp (Journalistin, FokusOst Berlin

Themen: Projektplanung DokFilm Krim, Schnitt und CoverArt für „Sabantuy 2009“, Freie Filmförderung D / RF / UKR / UZB / KAZ; Reflexion / Nachbereitung und Perspektiven von „Novemberreise“ (Weisshaar/Mertens) und „Am Pier von Apolonovka“ (2008, Von Schwartz, Schüle, Winterbauer, Ganzert für Eikon/ZDF/WDR/arte)

AG Geschichte/Turkologie: Mieste Hotopp-Riecke, Mag. Art. (Promovend am Institut für Turkologie, FU Berlin); Prof. Dr. Swietlana Czerwonnaja (Torun/Moskau); Läisän Kalimullina, M.A. (Promovendin Humboldt-Universität Berlin;  Berlin/Alabuga, Tatarstan)

Themen: Vorbereitung auf das Ukrainicum 2010 an der Universität Greifswald (Das ICATAT organisiert das Panel „Die besten Ukrainer auf der Krim sind die Tataren“ am 17.8.2010, 19.00-21.00 Uhr am Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifwald; Flyer dafürhier: Flyer UkrKrimtatar SD und Flyer UkrKrimtatar WD). Auswertung des ICCEES-Kongresses in Stockholm von der vorhergehenden Woche (Teilnahme von ICATAT-Mitglkiedern Kurshutov und Czerwonnaja). Einrichtung einer interdisziplinären Arbeitsgruppe zur Erforschung von Kontaktsystemen der mittel-ost-europäischen Frühzeit (4.-6. Jh. u.Z.) und Mittelalters (750-1500). Zu berücksichtigen sind dafür Forschungen der Skandinavistik, Turkologie, Germanistik und Altaistik zu Kulturkontaktsystemen anhand schriftlicher Quellen und archäologischer sowie numismatischer Funde.

Der Ostseeraum gewann bereits im Mittelater – ab dem 8. und 9. Jahrhundert – an Bedeutung für West- und Südeuropa, denn von dort aus wurde das begehrte Bernstein per Fernhandel weithin transportiert. Eine wichtige Handelsstraße führte vom späteren Ostpreussen nach Griechenland. Eine viel bedeutendere Verbindung aber, die die Bernsteinstraße mit der Seidenstraße verband und das versteinerte Baumharz bis China importierte, führte über das Großreich der Khazaren (Chasaren). Diese waren ein Turkvolk nördlich des Schwarzen Meeres. Im 9. Jh. konvertierte die Oberschicht der Khazaren zu einem monotheistischen Glauben, dem Judentum, da sie fürchteten, sich als Muslime von den Arabern und als Christen von den Byzantinern abhängig zu machen.

Da die Khazaren religiös tolerante Herrscher waren, wurden christliche und muslimische Missionare in ihrem Reich geduldet ein nicht Teil des khazarischen Volkes trat so zum Islam über.

„Khazarische Händler, so sagen die neusten Forschungen, kontrollierten gemeinsam mit den Wikingern die Handelsstraßen zwischen Baltikum und Zentralasien. Man hat aus der Zeit der Khazaren in Schweden eine Handelsstadt ausgegraben – Birka – welche zunächst wohl für eine Wikingersiedlung gehalten wurde – in der Populärliteratur oft immer noch so dargestellt wird -, von der man aber heute annimmt, dass sie wohl auch als Handelskolonie für das Turkvolk der Khasaren fungierte, in der vermutlich khazarische Juden, Muslime und andere siedelten und den Handel in der Region regulierten“ [1].

Mittels der Wikinger gab es auch andere Verbindungen des Ostseeraumes in die islamische Welt. Die Wikinger trieben Handel mit den spanischen Muslimen als auch mit den Bolgar und Kiptschaken (Vorfahren der heutigen Tataren) im Osten. Aus der Wikingerzeit wurden auf der Insel Bornholm muslimische Gräber ausfindig machen. Münzfunde in Jütland (Vester Vedsted) und Pommern (Szczecin/Stettin) zeugen ebenfalls von den weitreichenden Handelsverbindungen: Kufische Münzen, geprägt Samarkand (heute Usbekistan) unter Ismail ibn Ahmed (892-907), Ahmed ibn Ismail (907-913) und Nasr ibn Ahmed (913-42)  wurden hier ausgegraben[2].

Auch die Galinder/Galindier – ein Stamm der noch nicht germanisierten Preussen (Prussen) – hatte, wohl durch die Wikinger Verbindungen in das Kalifat von Cordoba. Einige galindische Söldner wanderten nach Spanien aus und kämpften u.a. auf der Seite des Kalifen gegen Karl Martell. Einige bekannte Muslime des alten Andalusiens hatten so galindische Ahnen[3].


[1] S.: Astroem, P.: Byzantium and Islam in Scandinavia: acts of a symposium at Uppsala University June 15-16 1996. Vgl.: Riemer, Thomas Abdallah (Red./Vi.S.d.P.): Islam an der Ostsee. Unter: http://www.sufiportal.de/text.php?id=67&s=read [22.5.2007] [2] S.: Krause, Arnulf: Die Geschichte der Germanen. (2. Aufl.), Frankfurt a.M.: Campus-Verlag, 2005, S. 235; Hoops, Johannes / Beck, Heinrich: Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Bd. 32, Berlin: Walter de Gruyter, 2006, S. 293/294; S.a.: Henning, Joachim [Hrsg.]: Europa im 10. Jahrhundert |Archäologie einer Aufbruchszeit ; Internationale Tagung in Vorbereitung der Ausstellung „Otto der Große, Magdeburg und Europa“. Mainz: Zabern, 2002, S. 231; Jones, Gwyn: A history of the Vikings. London: Offord University Press, 1968, S. 173/174.  [3] S.: Riemer a.a.O.

Auch etwa überlieferte Runenalphabete sollten komparativ analysiert werden. Bisher weitgehend unbeachtet blieben z.B. die von nordgermanischen Runen abstammenden Hausmarken von Rügen und Hiddensee. In die Untersuchung einzubeziehen wären turko-tatarische (awarische, khasarische, bolgarische, kiptschakische), ungarische und slawische Zeichensysteme, die durch die Handelswege der `Nordmänner` (Wikinger, Rus, Waräger) zwischem Ostsee und Schwarzem Meer in Kontakt gekommen sein können. Siedlungsgebiet und Handelswege der germanischen, altaiischen und slawischen Völker überlappten, verschoben und kreuzten sich vor allem in Osteuropa im Gebiet des späteren Tauriens, Pannoniens und Galiziens. Zu dem Thema soll ein Exploratory Workshop unter Einbeziehung von Spezialisten der genannten Fachbereiche durchgeführt werden. Einige Illustrationen zu genanntem Themenbereich:

spätavarenzeitliche Szekler-Rune, Ungarn; Quelle: Váry, Hermann: Alttürkische Felszeichnungen in Nordost-Anatolien. In: Ural-Altaische Jahrbucher, Wiesbaden, XL, 1-2, 1968, 50-78. (online hier)

Hausmarke von Vitte (Fam. Richard Hübner), Neuendorf-Plogshagen / Hiddensee und Altenkirchen / Rügen. Quelle: Jenik, Wolfgang: Die Insel der Haus- und Fischereimarken. Rügen und Hiddensee. Berlin: Wolfgang Jenik, 2007, S. 12, 17, 33, 45, 49 und 53.

Zeichen der warägisch-stämmigen Rurikiden (Rus). Quelle: Wickenden of Thanet, Paul: Period Russian Heraldry. 2003, s.a.: A. G. Silaev: Istoki russkoi geraldiki [Quellen zur Russischen Heraldik]. Moskau: Grand, 2002.

Hausmarke von Halbinsel Wittow (Norden der Insel Rügen, Ostsee) identisch mit einem Clanzeichen – genannt  Senek-Tamga [Forken-Zeichen] der Kara Nogay Tatar im heutigen Dagestan sowie der Kum-Nogay im Kreis Mineralovod des Bezirkes Stawropol (Nordkaukasus) der Russländischen Föderation (Ähnlich dem Tarak- [Kamm-] oder Khans-Tamga der Naiman und heutigen Krimtataren). Quellen: Besch, Rudolf: Heimatkalender für Pommern. Stettin: Fischer & Schmidt, 1928; Vgl.: Jenik, Wolfgang: Die Insel der Haus- und Fischereimarken. Rügen und Hiddensee. Berlin: Wolfgang Jenik, 2007, S. 60; Kereytov, Ramazan Kh.: Etničeskaya istoriya Nogajcev. Stavropol: Institut Gumanitarnyh Issledovanii, 1999, S. 110 sowie 119, Item 32;

Wappen des lipka-tatarischen Adelsgeschlechts Lis aus dem Gebiet um Minsk, Belarus (links, Aus:  Dumin, Stansław: Herbarz Rodzin Tatarskich Wielkiego Ksiȩstwa Litewskiego [Die Wappen tatarischer Familien des Großfürstentums Litauen], S.  84-86 und Tafel 42 (Diese Wappen gehen heraldisch oft auf alte Tamga-Zeichen der Nogay- und Krimtataren zurück, die den größten Teil der tatarischen Neusiedler ab dem 14. Jh. im Batikum bildeten); Hausmarke aus Vitte (rechts; Fam. Willi Baier, Insel Hiddensee, Ostsee). Quellen: Jenik 2007, S. 45, 48.

Altes tatarisches Tamga im Wappen der polnisch-tatarischen Adelsfamilie Kiena (links; Aus: Dumin, Stansław: Herbarz Rodzin Tatarskich Wielkiego Ksiȩstwa Litewskiego [Die Wappen tatarischer Familien des Großfürstentums Litauen], S. 73/74 und Tafel 35; Hausmarke von der Halbinsel Wittow (Nord-Rügen, Ostsee), Quelle: Jenik 2007, S. 60, vgl. Besch 1928.

Sogenanntes Aklav-Tamga (Weiß-Zeichen) der Weißen Nogay-Tataren (Aq Nogay) an den Flüssen Terek und Kuban im nördlichen Kaukasus (links); Hausmarke aus Vitte auf Hiddensee (rechts; Fam. Schumacher), Quelle: Jenik 2007, S. 49.

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Für das nächste Colloquium im Sommer 2011 wurde beschlossen zwei öffentliche Vorträge auf der Insel anzubieten. Nach Möglichkeit soll in Zusammenarbeit mit dem Naturparkhaus und der Biologischen Station Hiddensee ein Vortragsangebot zu Flora Tataricae sowie zum Thema Islam an der Ostsee in Kooperation mit dem Heimatmuseum Kloster, der Tourist-Information Kloster/Vitte und der Inselbibliothek Vitte erarbeitet werden.