Vortrag in Borna am 24.6.2010

Tataren in Sachsen 1813 – 2013. Vorurteile weichen Toleranz.

Wie in anderen deutschen Ländern auch, zeugen Sprichwörter und Orte, Sagen und Schriften von der Tartarenfurcht vergangener Jahrhunderte. Dieses negative Tataren-Image ist ein Nachhall des `Tatarensturms` von 1241 (Liegnitz/Wahlstatt) und der `Tatareneinfälle` von 1665 (Ost/West-Preußen, Schlesien) und findet seinen Ausdruck immer noch in zahlreichen Romanen und Erzählungen. Jedoch war dies nur die eine Seite der Medaille: Das erste Buch in Westeuropa überhaupt über die tatarische Sprache wurde in Leipzig gedruckt, sächsische Reisende erkundeten die Tartarei und: Bedingt durch die polnisch-sächsische Doppelmonarchie kamen ab dem 17. Jh. auch Einflüsse der Lipka-Tataren aus Polen-Litauen nach Sachsen. Am Sächsischen Hofe dienten Muslime als Hofmusiker und in Elite-Truppen. Tatarische Armeen waren seit  dem 17. Jahrhundert Verbündete der Sachsen und Preußen – und schließlich dienten einige tausend tatarische Lanzen-Reiter in der sächsischen, französischen und preußischen Armee. Die berühmten Volontaires de Saxe (Freiwillige von Sachsen), tatarische und polnische Lanzenreiter unter Marschall Moritz von Sachsen, waren wiederum die Sensation der französischen Armee.  Im Jahre 1813 dann kamen tausende Tataren, Baschkiren und Kalmüken mit der Armee des russischen Zaren als Befreier nach Sachsen, wurden einquartiert und hinterließen bleibende Eindrücke. Das Tatarengrab von Kleinbeucha ist Zeugnis dafür.

Zur Jahrhundertwende des 18./19. Jh. veränderte sich daher das Bild des `kinderfressenden Tataren`. Etliche Große ihrer Zeit wie Voltaire, König Friedrich von Preußen, Hegel und Goethe berichten und dichten von den Tataren und Baschkiren. Auch General Kutusow, der Napoleongegner und späte Oberbefehlshaber der preußisch-russischen Truppen selbst war tatarischer Herkunft.

Heute schlägt sich in Sachsen tatarisches Leben in unterschiedlichsten Bereichen nieder. Geschäftsleute, Politiker, Aussiedler, Studenten und Wissenschaftler tatarischer Herkunft trifft man hier. Einer von ihnen, der Filmemacher Nasur Yurushbayev, möchte zum 200. Jubiläum der Völkerschlacht einen Film über seine Vorfahren drehen: Sie marschierten bis Paris.

So verblasst der jahrhundertealte Schreckensruf „Die Tataren kommen!“. Sie sind nun da: tatarische Migrantinnen mitten unter den Sachsen.

In seinem Vortrag schlägt der Turkologe Mieste Hotopp-Riecke einen Bogen von der Urheimat der Tataren bis zu den Ulanen Sachsens, von gefürchteten Reitern früherer Zeit zu Geschäftspartnern Sachsens im heutigen Tatarstan. Besondere Berücksichtigung findet die Zeit der Völkerschlacht 1813.

Beginn: 19:00 Uhr im Stadtkulturhaus Borna